Polnisches, jüdisches und deutsches Alltagsleben im besetzten Lodz

„Warum nur muß dieser Dreckhaufen eine deutsche Stadt werden! Es ist ja eine Sisiphusarbeit [!], Lodz germanisieren zu wollen. Und wir hätten diese Stadt so gut als Abladeplatz benutzen können.“ 

Tagebuch Joseph Goebbels, 17. November 1939

Seit dem Einmarsch der Wehrmacht am 9. September 1939 wurde Lodz von den Nationalsozialisten als eines der schwierigsten Orte aller eingenommenen polnischen Städte betrachtet. Das obige Zitat aus Goebbels' Tagebüchern spiegelt das Verhältnis der damaligen Machthabern und das damit verbundene Schicksal der Stadt nach Kriegsausbruch gut wider. Nach langem Zögern fand sich die Region Lodz innerhalb der Grenzen des „alten Reichs“ im „Wartheland“ wieder. Die Jüdinnen und Juden wurden in einem Ghetto eingesperrt, wo sie an Hunger, Erschöpfung und Infektionskrankheiten starben. Die Polinnen und Polen wurden Teil eines Sklavensystems und die einheimischen Deutschen durch die Macht der Nazis zum Herrenvolk. Alle Spuren von Polentum und Judentum wurden systematisch vernichtet; Lodz sollte ethnisch, sprachlich und national eine rein deutsche bzw. eine nationalsozialistische Stadt werden.

Das folgende Modul stellt die Ergebnisse der Forschungen am Zentrum für Historische Forschung Berlin der PAN über die Besatzung der Region Lodz während des Zweiten Weltkriegs und das Schicksal der dort ansässigen ethnischen Deutschen vor. Es enthält Auszüge aus Quellen zum Alltagsleben von polnischen, deutschen und jüdischen Menschen im besetzten „polnischen Manchester“, die in der deutschen und polnischen Erinnerungskultur wenig bekannt sind.

Wir laden Schüler:innen, Studierende, Lehrer:innen an Schulen und Hochschulen, die sich für die deutsche Besatzung Polens oder die Lodzer Geschichte interessieren zum Lesen ein!

Autor des Moduls ist Dr. Michał Turski.

Übersetzungen wie redaktionelle Mitarbeit: Jakub K. Sawicki, Markus Krzoska und Marcin Fronia.

Einführung
Ein paar Worte zum Inhalt des Moduls

Der kurze Einführungstext ist auf Grundlage von Forschungen von Dr. Michał Turski entstanden und stellt die Zielsetzung des gesamten Moduls dar. Er enthält Beschreibungen aller Untermodule zum Leben im besetzten Łódź [1] sowie eine allgemeine Einführung in die Besatzung des „Gelobten Landes“ durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs.


[1] Poln. Łódź, in den Jahren 1940-1945 wurde die Stadt nach einem deutschen General des Ersten Weltkriegs in Litzmannstadt umbenannt.

Quelle: Illustration
Foto aus der Sammlung von Walter Genewein im United States Holocaust Memorial Museum.
Degradierungen und Hierarchien während der Besatzung an Orten der Zwangsarbeit


In den Betrieben herrschte eine strenge ethnische Hierarchisierung. Die Deutschen besetzten die höchsten und bestbezahlten Stellen, während Polinnen und Polen einfache Bürotätigkeiten und schwere körperliche Arbeit verrichten mussten. Am härtesten traf es Jüdinnen und Juden – das Ghetto von Lodz / Litzmannstadt wurde zum größten Zwangsarbeitsbetrieb der Stadt, der für die Wehrmacht und die Zivilbevölkerung des Dritten Reichs produzierte. Jüdische Arbeiter:innen hatten die schlechtesten Bedingungen unter allen Arbeitenden im besetzten Lodz.

 

Quelle: Illustration
Archivsammlung der Digitalen Bibliothek der Öffentlichen Regionalbibliothek in Łódź
Die Lebenswelten der deutschen Kinder der Besatzer und polnischer wie jüdischer Kinder


Die Kindheit im besetzten Lodz hing von der Nationalität und der Staatsangehörigkeit des Kindes und seiner Eltern ab. Deutsche Kinder konnten bis zum Ende mit einem Leben rechnen, das von den Schrecken des Krieges praktisch unberührt blieb. Sie hatten Zugang zu kalorienreicher Nahrung, Kleidung und Gütern des täglichen Bedarfs zur Bildung und Kultur auf allen Ebenen und mussten nicht arbeiten. Kinder aus jüdischen und polnischen Familien kämpften zur gleichen Zeit jeden Tag ums Überleben.

Quelle: Ethnologisches Interview über die Kindheit in Lodz
Bronisława Kopczyńska-Jaworska Ethnographisches Archiv des Instituts für Ethnologie und Kulturanthropologie der Universität von Łódź
Besatzungsalltag aus der Sicht einer gewöhnlichen Lodzer Einwohnerin

Die polnische Bevölkerung, darunter polnische Arbeiterinnen, hatte mit den Schrecken der Besatzung zu kämpfen. Der vorliegende Auszug aus einem Interview kann einen Einblick in die nicht selbstverständliche und nicht vorhandene Erinnerung an die Besatzung der Stadt aus der Perspektive einer einfachen, nicht am Widerstand beteiligten Arbeiterin gewähren. Im Interview geht es auch um die Erinnerung an das alltägliche Verhältnis von Pol:innen und Deutschen während des Kriegs.

Quelle: Tagebucheinträge
Tagebuch von Dawid Sierakowiak
Das Grauen des Ghettos von Lodz in den Tagebüchern des jungen Dawid Sierakowiak

Entsprechend der durch die Deutschen eingeführten ethnischen Hierarchisierung litten die als jüdische Bevölkerung gekennzeichneten Menschen am meisten. Im Ghetto Litzmannstadt eingesperrt, starben Jüdinnen und Juden an Hunger und Infektionskrankheiten, während sie Waren für das deutsche Heer produzierten. Ab 1942 fanden regelmäßig Deportationen in die Vernichtungslager statt. Die folgende Auswahl von Einträgen aus dem Tagebuch des jungen Dawid Sierakowiak gibt einen Einblick in die Schrecken des Lebens im Ghetto von Lodz und den Holocaust wieder.

 

Quelle: Hofchronik
Auszug aus der Chronik des Land- und Amtsgerichts Litzmannstadt aus den Jahren 1940-1941 zum Thema Wohnungsmangel und Umsiedlung
Die Realität der Lodzer Besatzung aus der Sicht der Reichsdeutschen

Die Chronik des Land- und Amtsgerichts Litzmannstadt gehört zu den wenigen von der deutschen Besatzungsmacht erstellten Quellen, die sich näher mit dem Alltagsleben beschäftigen. In den Jahren 1941 und 1942 schilderten Richter und Verwaltungsangestellte in der offiziellen Gerichtschronik nicht nur juristische Fragen der okkupierten Stadt, sondern das alltägliche Leben der deutschen Richter am Anfang der Besatzung. Die ausgewählte Passage gewährt einen Einblick in die erste Phase des Wandels in der Stadt der Jahre 1939/1940 aus der Sicht der Reichsdeutschen.

 

Quelle: Tagebucheinträge
Tagebuch von Erika Carlhoff-Seidel
Das Leben im besetzten Lodz unter den Nazis. Memoiren einer Sekretärin der Kriminalpolizei (Kripo)

Erika Carlhoff-Seidel wurde im Rahmen der Bevölkerungsaustauschabkommen zwischen dem Dritten Reich und der UdSSR nach Lodz umgesiedelt. Als junge Sekretärin bei der Kripo hinterließ sie ihre Erinnerungen über das Leben in Lodz unter NS-Herrschaft. Die hier zitierte Stelle ist Teil einer größeren Auswahl, die von Hans-Jürgen Bömelburg 2014 publiziert wurde und widmet sich der wichtigen Frage der Unterbringung und des Erwerbs von Immobilien von vertriebenen Pol:innen wie Jüdinnen und Juden durch die in die Stadt kommenden Deutschen.

Quelle: Illustration
Archivsammlung der Digitalen Bibliothek der Öffentlichen Regionalbibliothek in Łódź
Städtische Kommunikation entlang nationaler Segregation


Straßenbahnen, die in Lodz und auf Vorortstrecken verkehrten, waren in Wagen für Deutsche und welche für Polen unterteilt. Ein Gespräch auf Polnisch im Wagen für Deutsche konnte mit Ärger und einem Rauswurf aus der Straßenbahn enden. Jüdinnen und Juden durften praktisch von Beginn der Besatzung an nicht mit der Straßenbahn fahren. Mehr noch: bei Straßenbahnen, die durch das Ghetto Litzmannstadt fuhren, wurden die Fenster übermalt und für die jüdische Bevölkerung eine Fußgängerbrücke über die Gleise im Ghetto gebaut. So konnten die Fahrgäste weder jüdische Menschen noch den Horror im Ghetto sehen.

Quelle: Illustration
Archivsammlung der Digitalen Bibliothek der Öffentlichen Regionalbibliothek in Łódź
Delegitimierung des kulturellen Lebens der besetzten Bevölkerung


Nationalität und Staatsbürgerschaft bestimmten auch den Zugang zur Kultur in den direkt an das Reich angegliederten Gebieten. Die Multikulturalität der Vorkriegszeit in Lodz wurde offiziell beseitigt: Nur Deutsche besaßen eine legale und staatlich geförderte Kultur. In der Stadt und in der Region gab es nur deutsche Schulen, am Kiosk lagen nur deutsche Zeitungen aus. Polinnen und Polen wie Jüdinnen und Juden konnten sich allenfalls illegal bei Kultur- und Bildungsveranstaltungen im Untergrund treffen und versuchten, ihre Bücher- und Kunstsammlungen aus der Vorkriegszeit zu retten.

Quelle: administrative Karte
Archivsammlung der Digitalen Bibliothek der Öffentlichen Regionalbibliothek in Łódź
Administrative Veränderungen in der Stadt Lodz während der deutschen Besatzung


Während des Zweiten Weltkriegs führten die Deutschen in Lodz bedeutende administrative Veränderungen ein. Am 1. Januar 1940 wurde das Stadtgebiet von Lodz vervierfacht und umfasste nun u. a. die Stadtteile Chocianowice, Ruda Pabianicka, Radogoszcz, Nowosolna, Retkinia und Wiskitno. Am 8. Februar 1940 wurde das Ghetto Litzmannstadt auf dem Gebiet von Bałuty und der Altstadt eingerichtet und 1944 aufgelöst. Die polnischen Nachkriegsbehörden annullierten zunächst die Erweiterung von Lodz, um dann im Dezember 1945 den größten Teil der Gebiete wieder einzugemeinden.

Quelle: Filmmaterial
Das Bundesarchiv in Berlin
Vision eines „modernisierten“ Lodz in der NS-Propaganda


Im Jahr 1941 ergriffen die Behörden des besetzten Lodz die Initiative, einen Lehrfilm zu drehen, der die Veränderungen in der Stadt seit dem Ausbruch des Kriegs zeigt. Er gehörte zu einer Reihe von Filmen, die allesamt vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda des Dritten Reichs in Auftrag gegeben worden waren, um die Bemühungen der Nationalsozialisten um die „Modernisierung“ der direkt an das Reich angegliederten polnischen Gebiete aufzuzeigen und die Deutschen von der ewigen Zugehörigkeit der Region Lodz zum Deutschtum zu überzeugen.

 

Schwarz-Weiß-Film ohne Tonspur zur Verfügung gestellt mit Genehmigung des Bundesarchivs in Berlin.

 

Der Film ist hier zu sehen.