Briefe und Korrespondenz-Regesten von Anna Wasa und Ursula Meyer

Wir freuen uns Ihnen eine außergewöhnliche Quellensammlung präsentieren zu können. Es handelt sich hierbei um eine mit Einführungen versehene Auswahl von Briefen und Briefregesten zweier außergewöhnlicher, mit dem polnischen königlichen Wasa-Hof verbundener Frauen, die an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lebten. Die erste von ihnen heißt Ursula Meyer – eine eher mysteriöse Person, da kaum Informationen zu ihr überliefert worden sind. Sie war ein Mitglied des weiblichen Gefolges (des sog. Frauenzimmers) zweier polnischer Königinnen, namentlich Anna und Constanze von Österreich (erste bzw. zweite Ehefrau von Sigismund III. Wasa) und zugleich „graue Eminenz“ am königlichen Hof, deren Einfluss weit über ihre offizielle Position hinausging. Zweite der genannten Frauen ist Anna Wasa – eine von Sigismund III. Wasa innig geliebte Schwester. Sie war eine durchaus gebildete Frau mit einem umfangreichen Wissen, vor allem auf dem Gebiet der Kräutermedizin und zugleich eine eifrige Protestantin, wodurch sie bei den meisten Polen auf Abneigung oder Feindseligkeit stieß. Die beiden Frauen kannten sich aus naheliegenden Gründen persönlich: Unter den Briefen der königlichen Schwester befinden sich auch solche, die an Meyer adressiert waren, während die letztgenannte in ihrer Korrespondenz Anna Wasa erwähnt und sogar ihren Konflikt mit der damaligen polnischen Königin Anna von Österreich andeutet. Interessanterweise sind die Briefe von Anna Wasa hauptsächlich an polnische Hochadelige, zum Beispiel Jan Tęczyński, gerichtet, während Ursula Meyer an die Mitglieder der europäischen, königlichen, herzoglichen und sogar kaiserlichen Familien schrieb, was sich allerdings leicht dadurch erklären lässt, dass sie ihre Briefe entweder im Namen des polnischen Königspaares oder im Auftrag der Mutter der beiden polnischen Königinnen, Maria Anna von Bayern, verfasste, deren „Augen und Ohren“ sie am polnischen Hof vertrat.

Ansicht von Warschau aus dem späten 16. Jahrhundert

Sowohl in den Briefen von Ursula Meyer als auch in denjenigen von Anna Wasa spiegeln sich die wichtigsten politischen Geschehnisse der Zeit wider. Es sind vor allem der Kampf Sigismunds III. Wasa um die schwedische Krone, der polnisch-schwedische Konflikt um Livland, Polnisch-Russische Kriege sowie Kriege gegen die Tataren und die Türkei. Eingegangen wird auch auf den größten europäischen Konflikt der damaligen Epoche: den Dreißigjährigen Krieg, in den das Königreich Polen-Litauen verwickelt war, indem es die katholischen Habsburger militärisch unterstützte und – auf eine indirekte Weise – durch den Krieg gegen Gustav II. Adolf auf dem eigenen Gebiet betroffen war. Die Briefe enthalten zudem zahlreiche faszinierende Details über das alltägliche Leben am königlichen Hof: dazu zählen die religiösen Praktiken, Behandlungsmethoden verschiedener Krankheiten, Epidemien (die immer wieder die Hauptstadt heimsuchten), der Gabentausch, Streitereien innerhalb des Frauenzimmers, einschließlich Anschuldigungen der Hexerei.

Die von Kolja Lichy und Oliver Hegedüs herausgegebenen Regeste der Briefe von Ursula Meyerin erscheinen bald in der Publikationsreihe Quellen und Darstellungen zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte in der Frühen Neuzeit und im 19. Jahrhundert, einer Reihe des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Die deutsche Übersetzung der kritischen Quellenedition „Listy Anny Wazy [Anna Wasa und ihre Briefe (1568-1625)]“ wissenschaftlich bearbeitet von Karol Łopatecki, Janusz Dąbrowski, Wojciech Krawczuk und Wojciech Walczak, die von der Polnischen Historischen Gesellschaft 2022 herausgegeben wurde, wird in der vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der PAN erscheinenden Reihe „Polen in Europa“ voraussichtlich Ende 2024 / Anfang 2025 publiziert.

"Unter einem Regest ('Verzeichnis') versteht man die knappe Zusammenfassung des wesentlichen Inhalts einer Urkunde oder eines Briefes. Der Aussteller des Dokuments, der Empfänger und der wesentliche Inhalt, die Datierung und - wenn bekannt - der Entstehungsort sollten genannt sein." (Ulrike Enke, Der Einsatz von Regesten bei der Erschließung von Nachlässen,05/2012, URL: https://www.uni-marburg.de/de/fb20/bereiche/methoden-gesundheit/evbb/der-nachlass-emil-von-behrings/ueber-behring-nachlass-digital/vom-dokument-zum-reges, letzter Aufruf 17.05.2024.)

Die Auswahl der Briefe und Regesten empfehlen wir auch Lehrer:innen und Schüler:innen der Sekundarstufe als ergänzendes Quellenmaterial für den Geschichtsunterricht zur Frühen Neuzeit.

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Einführung in die Briefe und Brief-Regesten von Anna Wasa

Anna Wasa kam am 17. Mai 1568 auf dem Schloss in Eskilstuna zur Welt. Sie war das letzte Kind, das aus der Ehe von Johann III. (König von Schweden 1569-1592) und Katharina Jagiellonica hervorging. Die Vorfahren Anna Wasas mütterlicherseits, die Jagiellonen, herrschten über Polen-Litauen, den größten Flächenstaat im damaligen Mitteleuropa. Über die frühe Kindheit und die Erziehung Annas ist relativ wenig bekannt. Ihr Leben war geprägt von einer genetisch bedingten Krankheit, der basilären Impression. Anna hatte eine Schädelverformung, die wahrscheinlich mit starken Kopfschmerzen, Krämpfen, erhöhter Muskelspannung und Gesichtsfehlbildungen einherging.

Im Unterschied zu ihrem Bruder Sigismund, einem überzeugten Katholiken, entschied sich Anna um 1583 für den lutherischen Glauben. Hierzu sind heftige Auseinandersetzungen im engsten Familienkreis überliefert; Johann III. erwartete nämlich von seinem Sohn, dass er sich vom Katholizismus lossagte, der seine Stellung als Thronfolger gefährdete. Königin Katharina wiederum bemühte sich, Anna vom Protestantismus abzubringen und wieder für den Katholizismus zu gewinnen, da Anna bereits als Kind die katholische Messe besucht hatte.

 

Die gesamte Einführung  befindet sich in der PDF-Datei.

 

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Einführung in die Korrespondenz-Regesten von Ursula Meyer

Ursula Meyer war dem Rang nach eine einfache Bedienstete am polnischen Hof des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts. Die Kammerdienerin wurde nichtsdestoweniger zur Korrespondenzpartnerin von Erzherzoginnen, Kurfürsten und sogar dem Kaiser. Seit ihrer Ankunft am polnischen Hof im Jahr 1592 bis zu ihrem Tod 1635 gewann Meyer eine Vertrauensstellung bei den polnischen Königinnen Anna (1573–1598) und Konstanze von Habsburg (1588–1631) sowie bei König Sigismund III. Wasa (1566–1632) und seinem Sohn und Nachfolger Władysław IV. (1595–1648).
Die bescheidene offizielle Position Ursula Meyers kontrastierte mit der ihr von außen zugeschriebenen höfischen Machtposition und Einflussnahme auf die beiden Königinnen sowie auf Sigismund III. Sie wurde schon zeitgenössisch als Favoritin betrachtet, über die ein Zugang zum Monarchen zu erhalten war und die zugleich eine beratende Funktion an der Seite der sukzessiven Königspaare einnahm.

 

Die gesamte Einführung von Kolja Lichy und Oliver Hegedüs befindet sich der PDF-Datei.

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Auswahl der Briefe und Brief-Regesten von Anna Wasa

Eine Auswahl der Briefe und Brief-Regesten von Anna Wasa finden Sie in der PDF-Datei.

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Auswahl der Korrespondenz-Regesten von Ursula Meyer

Eine Auswahl der Korrespondenz-Regesten von Ursula Meyer finden Sie in der PDF-Datei.