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  • „Der einzige Ort auf der Erde…“ – mit diesen Worten auf der oben abgebildeten Postkarte beginnt die Beschreibung eines einzigartigen Ortes auf der Landkarte Europas Des Dreikaiserecks, dem Ort, an dem die Grenzen Preußens, Österreichs und Russlands in Oberschlesien in der Nähe der Stadt Mysłowice, oder Myslowitz  von 1846 bis 1915 zusammenkamen, Heute liegt  Myslowitz  in Südpolen, doch damals befand es sich am südöstlichen Ende des Deutschen Reichs und lag an der Route der legalen und illegalen Migration Tausender Menschen aus dem östlichen Europa in den Westen. Das Dreikaisereck war jedoch viel mehr als nur eine Verkehrsroute: es war ein touristisches Ziel, ein Zentrum für den Warentransfer und ein Propagandaobjekt. Von der Einzigartigkeit dieses Ortes zeugen Hunderte von Postkarten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die für mehr als nur private Nachrichten genutzt wurden. Welche weiteren Funktionen diese Postkarten hatten, erfahren Sie in dieser Ausstellung.

    Dreikaisereck, herausgegeben von H. Lukowski, Wrocław, 1913 (?)
    Schlesische Digitale Bibliothek, Privatsammlung

  • Heutzutage sind Postkarten nicht mehr so zentrale Grußmedien wie früher. Sie werden durch Nachrichten und Fotos ersetzt, die wir in den sozialen Medien posten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Postkarten jedoch das Äquivalent zu Online-Postings – schnell, günstig und leicht zugänglich. Die ersten experimentellen Postkarten, weiterhin ohne Bilder, erreichten ihre Empfänger um 1840. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich die Postkartenbegeisterung durch: Allein im Jahr 1905 wurden weltweit 7 Milliarden Postkarten verkauft.   Die Entwicklung des Tourismus bzw. der Freizeitreisen trug dazu bei: Die Verleger begannen, Ansichten von Orten, die von Touristen besucht wurden, auf Postkarten zu drucken und reagierten damit auf den Trend, kurze Grüße zu versenden. Wie beliebt das Versenden solcher Karten ist, zeigt eine satirische Zeichnung des deutschen Künstlers Adolf Hengeler.

    Adolf Hengeler, Touristen besteigen eine Pyramide in Ägypten und schreiben Postkarten, 1890
    Wikimedia Commons

  • Postkarten aus dem Dreikaisereck waren sehr beliebt. Oftmals zeigten sie einfach nur die Grenzlandschaft, aber sie wurden auch mit zusätzlichen Elementen angereichert, die insgesamt die Geschichte des Zusammentreffens der drei Reiche erzählten: Bilder des Alltagslebens, der Bewohner*innen und Besucher*innen, des Handels und des Schmuggels. Gleichzeitig betonten die lokalen Kartenhersteller die strategische Rolle des Ecks, indem sie Porträts der Kaiser einfügten: Wilhelm I. von Preußen, Franz Joseph von Österreich und Alexander II. von Russland. Auf der obigen Postkarte ist Wilhelm ganz oben abgebildet. Sein Porträt ist wie die beiden anderen von den Zweigen einer Eiche umrankt – ein Zeichen für Macht und Beständigkeit, ein Emblem für Deutschland.

    Dreikaisereck (Fragment), herausgegeben von H. Lukowski, Wrocław, 1913 (?)
    Schlesische Digitale Bibliothek, Privatsammlung

  • Viele Postkarten aus dem Dreikaisereck zeigen Ansichten des Flusses Przemsa, der eine natürliche Grenze zwischen den drei Imperien bildete. Obwohl die Fotografien in der Regel alle drei Grenzgebiete zeigen, wurde meist die Perspektive von der Seite der großen Promenade auf der preußischen Seite der Przemsa gewählt. Auf diese Weise wurde die Landschaft zu einem visuellen Zeichen der preußischen Vorherrschaft in der Region. Solche Postkarten, die bei den Besuchern der Region am beliebtesten waren, wurden häufig verwendet, um Informationen über die Reise zu vermitteln. Auf dieser Postkarte, die nach Berlin geschickt wurde, schrieb der Absender in einer Mischung aus Polnisch und Deutsch, dass er die Grenze überquert hatte und für einen gewissen Herrn Pakuła ohne Verpflegung arbeitete, und dass es ihm in Nowa Huta nahe der russisch-österreichischen Grenze nicht gefiel.

    Grüße aus dem Dreikaisereck bei Mysłowice, herausgegeben vom Kunstverlag Bruno Scholz, Wrocław, 1907 (?) 
    Schlesische Digitale Bibliothek, Privatsammlung

  • Der Bismarckturm ist ebenfalls zu einem Postkartensymbol für preußische Herrschaft in der Region geworden. Er wurde 1907 auf einem Hügel über dem Fluss Przemsa errichtet und war eines von vielen ähnlichen Granitgebäuden, die im Kaiserreich zu Ehren von Otto von Bismarck errichtet wurden. Er war 22 Meter hoch und an seiner Spitze wurde eine Flamme entzündet, um die preußische Grenze zu beleuchten. Der Turm zog Touristen an und wurde mit der Zeit zum Wahrzeichen des Dreikaiserecks. Seine Monumentalität kontrastierte auf preußischen Postkarten mit den spärlich bebauten Gebieten in der Nachbarschaft, insbesondere auf der russischen Seite. Als die drei Reiche infolge des Ersten Weltkriegs zusammenbrachen und die Region 1922 Teil Polens wurde, benannten die neuen Behörden das Gebäude zunächst in Turm der Aufständischen, dann in Tadeusz-Kościuszko-Turm um und ließen ihn 1933 abreißen.

    Bismack-Turm, Dreikaisereck. Blick vom Bismack-Turm auf das russische Dorf Niwka, herausgegeben von H. Lukowski, Wrocław, 1912
    Schlesische Digitale Bibliothek, Privatsammlung

  • Die Postkarten prägten nicht nur ein bestimmtes Bild des Dreikaisercks, sondern auch das des nahe gelegenen Myslowitz. Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die kleine Stadt dank der Grenzverschiebung zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt zwischen den Kaiserreichen auf. Das Prestige von Myslowitz stieg, als die Eisenbahn die Stadt erreichte und Reisende aus Krakau oder Breslau sie ungehindert erreichen konnten. Zuvor war die Stadt ein seltenes Objekt des Interesses für Künstler und Fotografen gewesen; jetzt zeigten die massenhaft hergestellten Postkarten, wie die oben abgebildete, die imposanten Gebäude der Stadt, schattige Gassen und die malerische Promenade an der Przemsa sowie elegante Touristen und Einheimische bei Spaziergängen und in Restaurants. Die Postkarten waren Werbung für die Stadt, die sich vor allem an die deutschen Bewohner des Grenzgebiets richtete. Dabei wurde die größte Gruppe der Einwohner von Myslowitz – die Polen – nicht gezeigt.

    Das Dreikaisereck in Myslowitz, herausgegeben vom H.C.B.-Verlag, 1907
    Museum der Stadt Mysłowice

  • Auf den Postkarten sind Polen nicht klar zu erkennen. Diese Abwesenheit könnte einen politischen Hintergrund haben und ein weiteres Zeichen für die Demonstration deutscher Vorherrschaft in der Stadt und ihrer Umgebung sein. Dem preußischen Narrativ zufolge verdankte die Stadt ihr elegantes Aussehen und ihre Modernität der Unterwerfung unter die preußische Herrschaft. Um dieses Bild aufrechtzuerhalten, mussten Gruppen, deren Anwesenheit das Gefühl der Zugehörigkeit dieses Ortes zu Preußenuntergrub, aus den visuellen Botschaften eliminiert werden. Deshalb zeigen Postkarten von Myslowitz, wie die oben abgebildete, wahrscheinlich nicht die polnische, sondern die deutsche Elite, die die Reize der Stadt genießt.

    Das Dreikaisereck in Myslowitz (Fragment), herausgegeben vom H.C.B.-Verlag, 1907
    Museum der Stadt Mysłowice

  • Lokale Postkartenhersteller hielten das Bild des Dreikaiserecks und von Myslowitz nicht nur aus der preußischen Perspektive fest. Sie druckten auch „Ansichten aus Russland“, wie die oben abgebildete. Von den Wiesen am Fluss aus war das Panorama von Myslowitz noch beeindruckender und bestärkte die Erzählung vom Entwicklungsunterschied zwischen Preußen und Russland. Unter den städtischen Gebäuden von Myslowitz ragt die 1899 errichtete Synagoge aus Backstein mit zwei Türmen heraus. Das kostspielige und beeindruckende Gebäude zeugte vom Wohlstand und dem hohen Ansehen der kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt, die aus Geschäftsleuten und Kaufleuten bestand. In der benachbarten Stadt Modrzejów auf der russischen Seite der Grenze machten die Juden dagegen fast 90 Prozent der Bevölkerung aus, aber sowohl ihr Lebensstandard als auch ihre Synagoge waren viel bescheidener.

    Ansicht von Myslowitz von der russischen Seite, veröffentlicht von Siegrfried Kochmann, Myslowitz, 1905
    Museum der Stadt Mysłowice

  • Manchmal brachten lokale Verleger auch Motive auf ihren Postkarten an, die nicht offensichtlich sind. Auf der obigen Postkarte wird der Blick auf Myslowitz vom russischen Zollamt aus von einer Dame begleitet, die in anmutiger Pose sitzt und ein tief ausgeschnittenes Kleid trägt. Der Absender schickte die Postkarte an ein „Fräulein Marie Scheibert“, die wahrscheinlich in einem Modesalon im nahe gelegenen Chorzów, oder Königshütte, arbeitete. Das Bild der Frau könnte einfach dazu gedient haben, die Postkarte attraktiver zu machen. Sie könnte aber auch eine weniger unschuldige Botschaft enthalten haben: In einer Grenzstadt, die nicht nur als Touristenziel, sondern auch als Zentrum des Frauenhandels und der Prostitution bekannt war, wurde das Bild einer Dame zu einem Versprechen für erotische Unterhaltung und lockte Besucher an, die solche Dienste in Anspruch nehmen wollten.

    Blick vom russischen Zollamt in Modrzejów, herausgegeben von Siegfried Kochmann, Myslowitz, 1912
    Museum in Sosnowiec, Sammlung von Stefan Ślęzak

  • Das Bild einer frivol gekleideten und kokett lächelnden Frau erscheint auch auf dieser Postkarte. Es ist jedoch ein anderes Motiv, das hier besondere Aufmerksamkeit verdient. Im unteren Teil der Postkarte, die das Zollamt Modrzejów auf der russischen Seite der Grenze zeigt. ist eine Gruppe von Menschen zu sehen: Zollbeamte, Frauen und Kinder. Unter ihnen, ungefähr in der Mitte, steht ein jüdischer Junge in traditioneller Kleidung. Vielleicht hat der Herausgeber der Postkarte diese Aufnahme bewusst gewählt, um die Tatsache zu betonen, dass Modrzejów eine „jüdische Stadt“ ist. So sticht der Junge auf der Postkarte durch seine ethnische Zugehörigkeit aus der Gruppe hervor, während er gleichzeitig ein natürlicher Teil der lokalen Landschaft und der Gemeinde von Modrzejów ist, die zahlenmäßig von Juden dominiert wurde.

    Grüße aus Myslowitz, Oberschlesien. Russisches Zollhaus in Modrzejów, herausgegeben vom Kunstverlag Hermann Lukovski, Beuthen, 1906
    Schlesische Digitale Bibliothek

  • Gleichzeitig wurden bei preußischen Postkarten, die die österreichischen Grenzgebiete zeigten, andere Aspekte in den Vordergrund gestellt. Die Verleger berücksichtigten viel eher die einzigartigen politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die trotz gelegentlicher Konflikte eine kulturelle Verbindung, eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Vergangenheit hatten. Auch wenn in preußischen Reiseführern Armut und Rückständigkeit auf österreichischer Seite beschrieben wurden, mussten Postkarten, die die österreichische Landschaft zeigten, das Bild der drei Herrscher tragen, mit Kaiser Franz Joseph in der Mitte. Dies ist auf der oben abgebildeten Postkarte aus Jęzor, einem Grenzdorf auf der österreichischen Seite des Ecks, zu sehen.

    Grüße aus den drei Kaiserreichen in Jęzor (Österreich), herausgegeben vom HLB-Verlag, 1908
    Museum der Stadt Mysłowice

  • „Hier am Bahnhof Mysłowice, wo ich heute im Zug sitze, schreib ich Dir schnell eine Karte, da ich 10 Minuten warte. Von Mysłowice ist bekannt, dass hier ein Jahrhundert lang, gleich drei Grenzen sind gespannt. Grenzen zwischen diesen Reichen, die sich ganz und gar nicht gleichen.“ Diesen Reim schrieb ein polnischer Reisender 1902 auf eine Postkarte, auf der Zollbeamte vor dem Dreikaiser-Eck stehen. Postkarten mit Ansichten von Grenzübergängen begleiteten die Angst vor dem Reisen, der Kontrolle der Fahrkarten und der Gepäckdurchsuchung. Sie vermittelten auch den Reiz, zu sehen, was jenseits der Grenze lag – etwas, das sowohl nah als auch exotisch war. Die Postkarten hatten aber auch eine warnende Funktion, denn der Anblick von uniformierten Zollbeamten sollte Schmuggler abschrecken.

    Grüße aus dem Dreikaisereck bei Mysłowice, herausgegeben vom Verlag M. Rölle, Buch-u. Papierhandl., Mysłowice, 1902
    Nationalbibliothek in Warschau

  • Fünfhundert Kilometer weiter östlich, an der österreichisch-russländischen Grenze, war das Leben dagegen idyllisch. Zumindest war das der Eindruck, den die Hersteller der dortigen Postkarten vermitteln wollten. Auf einer Postkarte vom Grenzübergang in Brody, heute in der Ukraine, wurden Reisende in Richtung Österreich von einer freundlichen Gruppe von Einheimischen begrüßt, und nur die Schranken verliehen der fröhlichen Szene einen Hauch von Amtlichkeit. Die Realität sah jedoch anders aus, und die Gegend, in der viel geschmuggelt wurde, war alles andere als sicher und idyllisch: Laut dem österreichischen Schriftsteller Martin Pollack „… pflegten die Galizier oft zu sagen, ‚er habe sich in Brody verirrt‘, wenn sie deutlich machen wollten, dass ein ungünstiges Schicksal jemanden an einen düsteren und traurigen Ort geworfen hatte, von dem es kein Zurück mehr gab“.

    Brody, Grenze, herausgegeben von Władysław Kocyan, Brody, 1914
    Nationalbibliothek in Warschau, Sammlung von J. Wasylkowski

  • Wer jedoch die Hindernisse überwand und von Osten her das Dreikaisereck erreichte, konnte für die preußischen Postkartenhersteller interessant werden.  Dies gilt umso mehr, da Tausende von Wirtschaftsflüchtlingen, die versuchten, nach Preußen zu gelangen, durch ihre oft bescheidene Kleidung auffielen. Sie bildeten einen Gegensatz zu den uniformierten Zollbeamten und den modisch gekleideten Einwohnern von Myslowitz. Die Verleger stellten die Einwanderer auf Postkarten dar, um die zivilisatorische und materielle Überlegenheit des preußischen Volkes und die in diesem Gebiet herrschende Rechtsordnung zu betonen. Sie klassifizierten die Neuankömmlinge wie in den Bildunterschriften auf der oben abgebildeten Postkarte: „Alte Volkstrachten aus Galizien“, „Alte Volkstrachten aus Russisch-Polen“, „Alte Volkstrachten aus Oberschlesien“.

    Volkstypen in der Dreikaisereck in alten Trachten, herausgegeben von Hermann Lukowski, Breslau, vor 1914
    Schlesische Digitale Bibliothek

  • Die stark vereinfachende Klassifizierung der Neuankömmlinge über ihre Kleidung oder ethnische Zugehörigkeit spiegelte nicht ihre komplexe Situation und ihre individuellen Schicksale wider. Ihre lange Reise nach Bremen oder Hamburg, die oft der Überfahrt nach Amerika vorausging, fand unter schwierigen, manchmal erniedrigenden Bedingungen statt. Die Postkartenillustrationen vermeiden diese unbequemen Themen, indem sie sich auf didaktische oder propagandistische Botschaften konzentrieren. Letztere vermittelt die oben abgebildete Postkarte, die neben den galizischen Bauern und den sie begleitenden preußischen Zöllnern auch die Gebäude der Landwirtschaftlichen Hauptzentrale in Berlin zeigt. Damit sollte darauf hingewiesen werden, dass die Anwesenheit ausländischer Arbeiter in Preußen einer gesetzlichen Kontrolle unterliegt.

    Myslowitz in Zeiten von Wanderarbeitern und Saisonarbeitern. herausgegeben von Max Rolle, Myslowitz 1903
    polska-org.pl

  • Postkarten mit Szenen von Schmugglern, die an den Grenzübergängen aufgegriffen wurden, wie die oben abgebildete, enthielten ebenfalls Warnungen. Sie waren sorgfältig komponiert und koloriert und wiesen dekorative Umrandungen im Jugendstil auf. Manchmal erinnerten sie an Szenen aus der Kriminalliteratur oder aus Stummfilmen. Mit ihrer Dramatik gingen diese Postkarten über die Kategorie der touristischen Souvenirs hinaus, da sie eine klare Botschaft enthielten: eine Warnung an Reisende und Schmuggler, nicht zu versuchen, das Gesetz zu brechen, da sie ohnehin erwischt werden würden.

    Das Dreikaisereck in Myslowitz, herausgegeben von Max Rölle, Myslowitz, undatiert
    Museum der Stadt Mysłowice

  • Postkartenverlage in anderen Regionen waren von den strengen Kontrollen an den preußischen Grenzen nicht so überzeugt. Eine Postkarte aus Großpolen, das damals zu Preußen gehörte, zeigt einen Kutscher, der mit Pferd und Wagen über die Köpfe der Zollbeamten hinwegfährt – und das trotz der dichten Reihen von Uniformierten, die den Übergang bewachen. Die Aufschrift auf der Postkarte lautet: „Durch die Luft über die Grenze“ und unterstreicht die humorvolle Bedeutung der Szene. Wahrscheinlich war ein Körnchen Wahrheit darin, denn der illegale Grenzübertritt war ein bekanntes Phänomen. Aufschlussreich ist, dass der Gesetzesbrechende als Jude dargestellt ist.

    Durch die Luft über der Grenze: ein Zaunpfahl in Skalmierzyce, Verleger unbekannt, 1906
    Nationalbibliothek in Warschau

  • Juden erschienen auch auf preußischen Postkarten aus dem Dreikaisereck. Obwohl die jüdische Gemeinde seit langem in der Region ansässig war und allein in Myslowitz etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachte, vermittelte das Bild der Juden auf den Postkarten eher den Eindruck ihrer Fremdartigkeit. Dies gilt umso mehr, als die Herausgeber auf Karten wie der oben abgebildeten eher traditionelle osteuropäische Juden zeigten, die aus dem österreichischen Galizien und dem Russländischen Reich zugewandert waren, als einheimische, assimilierte und wie die Mehrheit der preußischen Gesellschaft aussehende Juden. Die Verwendung des stereotypen Bildes des Juden war in der europäischen antisemitischen Propaganda weit verbreitet. Die Gegenüberstellung der Figuren der jüdischen Händler auf der Postkarte mit der Szene der Verhaftung des Schmugglers am Grenzübergang sollte das Misstrauen gegenüber Juden weiter schüren und sie mit unlauteren Praktiken in Verbindung bringen.

    Dreikaisereck. Szene mit einem Schmuggler. Gemischtwarenhändler im Groß- und Einzelhandel. Typen von Auswanderern. Vortrag über den Handel, herausgegeben von Max Rölle, Myslowitz, 1909
    Schlesische Digitale Bibliothek

  • Der Antisemitismus auf Postkarten konnte sogar noch deutlicher werden, wenn die Autoren zu den Konventionen der Satire griffen. Dies ist auf der obigen Postkarte zu sehen. Sie zeigt jüdische Reisende auf der Eisenbahnlinie Krakau-Wien, deren Strecke durch Myslowitz führte. Vor allem die Männer im Waggon fallen durch ihr übertriebenes Aussehen und Verhalten auf: Sie haben markante Nasen und große Münder, und ihre Kleidung soll eindeutige, stereotype Assoziationen hervorrufen. So soll der Mann mit Fliegenhemd und Frack ein Bankier sein, der religiöse Jude trägt einen Chalat, also ein jüdisches Gewand, und der Gehrock wird von einem Vertreter des angeblich von Juden kontrollierten Bürgertums getragen. Alle drei unterhalten sich angeregt – ihre karikierten Gesichter lassen vermuten, dass sie wahrscheinlich über zwielichtige Geschäfte sprechen.

    Lithografie, die drei jüdische Männer und eine jüdische Frau in einem Wagen dritter Klasse zeigt. Verlag, Ort und Jahr der Veröffentlichung unbekannt.
    Nachdruck einer Postkarte aus der Sammlung von Stefan Ślęzak

  • So wurden die Juden auf Postkarten – östliche und westliche, städtische und ländliche, reiche und arme, traditionelle und assimilierte – mit denselben „jüdischen Merkmalen“ belastet und fielen in eine einzige antisemitische Kategorie. Im Dreikaisereck, durch die Dutzende von ethnischen Gruppen zogen, war die negative Sicht auf die Juden jedoch besonders ausgeprägt: Auf den lokalen Postkarten wurden nur Juden mit karikaturistischen Zügen versehen. Dies ist unter anderem auf der oben abgebildeten Karte zu sehen: Juden wie Marionetten in einem Puppentheater, künstlich in die Grenzlandschaft geklebt, stehen im Kontrast zu den realistischen Figuren, die andere Gruppen repräsentieren.  Die Juden auf der Postkarte sollten bei den Empfängern Misstrauen erwecken, ebenso wie die ihnen auf der Postkarte zugeschriebenen Berufe: „Betrüger“, „Hausierer“, „Trödler“. Der wachsende Antisemitismus spiegelte die zunehmenden Vorurteile und den Radikalismus in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider, und in dieser Hinsicht war das Dreikaisereck, das als einziger solcher Ort auf der Welt beworben wurde, nicht mehr einzigartig.

    Das Dreikaisereck, herausgegeben von Johann Lukowski, Beuthen, ohne Datum
    Das Museum Schloss Schön in Sosnowiec, Sammlung von Monika Stańczyk

  • DER EINZIGE ORT DIESER ART AUF DER ERDE: POLEN, DEUTSCHE UND JUDEN AUF POSTKARTEN AUS DEM GRENZGEBIET

    Eine Online-Ausstellung des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften und des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig (GWZO).

    Entwickelt von Maciej Gugała.

    Übersetzt ins Deutsche von Agnieszka Zawadzka.

    Basierend auf dem Text von Małgorzata Stolarska-Fronia Begegnungen am Grenzort um 1900 – Zwischen nationaler Meister-Erzählung und Sensationen der Mobilität – Teil des Buches Gezeigte Grenzen. Erkundungen deutsch-polnisch-jüdischer Beziehungsbilder zwischen 1890 und 1920 von Maren Röger und Małgorzata Stolarska-Fronia unter Mitarbeit von Ryszard Kaczmarek, Marcin Wieloch und Vincent Hoyer (erscheint im April 2024 bei Sandstein in Dresden).

    Die Ausstellung entstand im Rahmen des Projekts Die Kraft der Vervielfältigung. Bilder der deutsch-polnisch-jüdischen Beziehungen in den Massenmedien 1890–1930er, gefördert von der Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung, Projekt-Nr. 2023-04.

    Partner im Projekt: Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig (GWZO), Schlesische Universität Katowice, Schlesische Bibliothek in Katowice, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

    Auf dem Plakat: Fragment der Postkarte Volkstypen in der Dreikaisereck in alten Trachten, herausgegeben von Hermann Lukowski, Breslau, vor 1914
    Schlesische Digitale Bibliothek